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A L U N A R I A | Aus dem Tagebuch eines Sterns

Cross-Over

Diese Geschichte ist ein Crossover der Geschichten Eldrâren und Alunaria.
Sie wurde als Inhalt des 24. Törchens des gemeinschaftlichen Adventskalenders 2015 veröffentlicht.


Design

Die langjährigen Freunde Iwan und Mary haben beschlossen ein freudvolles Weihnachtsfest in einer kleinen Hütte auf einem abgeschiedenen Hügel zu feiern. Diesen Anlass nutzen sie als bereits zu oft vertagte Gelegenheit, um ihre Freunde einander bekannt zu machen. Bei diesen handelt es sich um den höflichen Coud, den zänkerischen Kratos, die liebevolle Ivy, als auch die lebensfrohe Raisa und die tempramentvolle Leyra.

Nicht jedem Teilnehmer ist von vornherein bewusst, dass es sich bei Raisa um den einzigen menschlichen Gast handelt. Pikante Details, wie in etwa, dass Mary, Ivy, Coud und Kratos Hexen und Zauberer mit magischen Kräften sind, wurden verschwiegen. Dass diese die Anwesenheit von zwei mächtigen Sternen, die von außerhalb des Planeten kommen, genießen, ist ihnen ebenso wenig bewusst.

Diese Maßnahme zur Vorbeugung von Komplikationen erzielt jedoch den gegenteiligen Effekt: Kratos Misstrauen gegenüber Leyra führt zu hitzvollen Schikanen, die in Kombination mit ihrem Unwohlsein in Gegenwart (geglaubter) Menschen ein explosives Geschmisch erzeugen. Ehe sie sich versehen, steht Kratos nackt dar, der Truthahn ist verbrannt und die Hütte geht in Flammen auf. Alles halb so wild, nachdem die Anwesenden feststellen, dass Ivy sich in einem Schneesturm verirrt hat und zu erfrieren droht.

Um ihr Leben zu bewahren, sehen sich die Gästedazu gezwungen ihre wahre Identität einander zu offenbaren und ihre Kräfte zu vereinen.




Eine heißkalte Bescherung


Mary Poison richtete den Weihnachtskranz an der Haustür wieder gerade. Es war heiliger Abend und diesen verbrachte sie zusammen mit ihrem guten Freunden hier in einer etwas abgelegenen Hütte, fernab des Stadtlebens. Umgeben von meterweise Schnee und einem sternenklaren Himmel war dies der perfekte Schauplatz für eine Weihnachtsfeier unter Freunden, und diese würden jeden Moment hier eintreffen.
Mary hörte ihren Namen, der aus dem Wohnzimmerbereich ertönte. Schnell eilte sie zu jenem Mann, dessen Stimme diesen Namen hatte erklingen lassen: Iwan Krylow. Sie konnte nicht anders als lächeln, als sie ihn erblickte, wie verzweifelt versuchte den Teller voll Plätzchen auf dem völlig zugestellten Tisch unterzubringen.
»Es wird etwas eng, schätze ich«, sagte dieser, um sein Anliegen zu verkünden.
Mit einem strahlenden Lächeln entnahm sie ihm den Teller und sagte: »Kein Problem, die füllen wir einfach in ein Glas um.«
»Oh ja, das ist eine gute Idee!«, fand Iwan und stahl sich noch rasch ein Süßgebäck, bevor es umziehen musste.
Mary war nicht schnell genug, um ihn auf die Finger zu klatschen, die dieser sich zügig aus ihrer Reichweite begab und dabei amüsiert lächelte, zumindest so weit das Plätzchen, welches sich zwischen seinen Zähnen befand, dies zuließ.
Dann klopfte es an der Tür.
Iwan quetschte ein »Ich geh' schon!« hervor, während Mary in die Küche eilte.
Sie wollte, dass alles perfekt war! Fast ein Jahr lang hatten Iwan und sie sich nicht mehr getroffen. Es waren so viele unvorhersehbare Dinge geschehen, die es immer wieder unmöglich gemacht hatten, ein Treffen der Beiden einzuräumen. Doch auf ein gemeinsames Weihnachten hatte sie bestanden. Tatsächlich hatte sie eine Zusage seitens ihres langjährigen, guten Freundes bekommen, und nicht nur das. Er hatte angekündigt seine neue Freundin mitzubringen. Heute würde Mary sie endlich kennenlernen!
Der Braunschopf hatte den Gedanken noch nicht zu Ende denken können, da hörte sie das Geräusch von Absätzen auf dem hölzernen Boden. Es war definitiv eine Frau eingetroffen. Ob es Iwans Freundin war? Vielleicht war es aber auch einer der Jungs, welcher das Weihnachtsfest zum Anlass nehmen wollte, um sein Coming-Out zu zelebrieren?
Die junge Hexe konnte nicht anders, als bei dem Gedanken herzhaft zu lachen. Sie schloss das Glas mit dem dazugehörigen Deckel und ließ es sich nicht nehmen, auch dieses mit einer Schleife in den festlichen Farben Rot und Grün zu verzieren. Dann nahm sie es und brachte es in den Wohnbereich. Dort angekommen fiel ihr Blick gleich auf eine großgewachsene Frau, die sich gerade ihrer erstaunlich dünnen Jacke entledigte. Neben ihr verweilte Iwans Schwester Raisa, die noch gar nicht daran dachte, sich ihrer Daunenjacke zu entledigen und bestaunte die Inneneinrichtung der Hütte. Das begeisterte Gesicht der 16-Jährigen erfreute Mary. Denn diese hatte sich sehr viel Mühe bei der weihnachtlichen Dekoration gegeben. An den Decken und den Pfeilern waren Girlanden aus echten Nadeln angebracht. In unregelmäßigen Abständen wurden diese mit roten Schleifen ausgeschmückt. Weihnachtliche Figürchen aus Porzellan standen reich an der Zahl im ganzen Raum verteilt. Viele Kerzen tauchten diesen in ein warmes Licht, wobei sie hier auf die elektrische Deckenleuchte nicht verzichten konnten, um genügen Licht zu erzeugen. Der Kamin brannte und war ganz altmodisch mit Weihnachtssocken verziert. Und selbstverständlich durfte ein Weihnachtsbaum nicht fehlen: Dieser trohnte in der Ecke und wurde mit zahlreichem Schmuck wie Christbaumkugeln, Lametta, Lichterketten und einzelnen Accessoires geschmückt. Einzig die Geschenke unter dem Baum fehlten. Iwan und Mary hatten beschlossen keine Bescherung zu machen, da dies in ihren Augen wohl doch etwas kitschig vorkam. Außerdem brauchten sie keine materiellen Geschenke. Das größte Geschenk war das Zusammenkommen all ihrer Freunde: Neben Iwan, seiner Freundin und seiner Schwester würden sich auch noch Kratos, Coud und Ivy dazugesellen. Und jetzt, wo Iwan gerade die Jacken der beiden Damen im Flur unterbrachte, nutzte Mary sofort die Gelegenheit, um die beiden gerade Eingetroffenen zu begrüßen.
»Guten Tag, die Damen!«
Schnell stellte sie das Glas voll Plätzchen auf dem Tisch ab und wandte sich an Leyra:
»Sie müssen Leyra sein, nicht wahr?«
»Ja, das ist richtig. Und Sie sind Mary?«
»Schuldig!«, entgegnete diese mit einem strahlenden Lächeln und tauschte mit ihr ein Handschütteln aus.
Raisa ließ es sich nicht nehmen, Mary gleich um den Hals zu fallen. Die junge Hexe war erstaunt, wie groß Raisa geworden war. Sie war inzwischen auf ihre Schulterhöhe gewachsen und ihr Haar fiel in zarten Wellen bis zu ihrem Hintern herab.
»Es ist schön dich wiederzusehen«, sagte Mary und schenkte der jungen Frau ein Lächeln.
Mit aller Mühe unterdrückte Mary den Drang es Raisa nicht gleichzutun und Leyra nicht vor lauter Euphorie um den Hals zu fallen. Iwan hatte nicht gelogen, als er behauptet hatte, sie wäre eine sehr hübsche Frau. Doch den größten Narren hatte er an ihrem in Wellen gelegten, zinnoberroten Haar gefressen, welches bis zu ihrem Hintern reichte. Mary wurde klar, dass Iwan ihr nicht zu viel versprochen hatte und erwischte sich dabei, wie sie die gerade eingetroffene Frau doch noch umarmte. Leyra aber erwiderte diese mit einem freundlichen Lächeln. Dies war der beste Moment für Iwan, um wieder das Wohnzimmer zu betreten und sich zu freuen, dass die beiden einander so freundlich empfingen. Denn dieser wusste als Einziger, dass Leyra von der Teilnahme an diesem Weihnachtsfest nicht begeistert gewesen war. Lange hatte sie gezögert und Iwan hatte sie immer wieder bereden müssen. Irgendwann aber hatte sie tatsächlich zugesagt. Ihre Abneigung gegenüber dem menschlichen Volke floss bis in ihre hintersten Venen. Mit Fremden konnte sie zwar schnell und problemlos Bekanntschaft machen, doch die solche mit den so verhassten Wesen, an einer nur von Menschen zelebrierten Feierlichkeit, fiel ihr in der Tat schwer. Nur Raisa hatte sie in ihr Herz schließen können. Doch ahnte sie nicht, dass es sich hierbei, mit Ausnahme von seiner kleinen Schwester, nicht um Menschen handelte, zumindest keine gewöhnlichen. Iwan hatte es dem Rotschopf verschwiegen, um es ihr irgendwann behutsam beizubringen. Wer würde ihm schon glauben, wenn er behauptete, dass sie am heutigen Abend von Zauberern umgeben waren? Leyra bestimmt nicht!
Der junge Mann betrat den Raum und Raisa übernahm kurzerhand die Rolle der großen Schwester, als ihr Bruder sich zu den Damen gesellte. Sie stellte sich auf ihre Zehnspitzen, um Iwan einen Flusel aus der Kapuze zu klopfen.
»Mensch, so nimmst du uns in Empfang? Wei, oh wei! Wie soll das noch enden?«
Iwan traute seinen Ohren kaum und konnte nicht anders als Lachen. Doch zu einer Retour-Kutsche kam er nicht, denn schon klopfte es erneut an der Tür.
Mary konnte ihre Euphorie nicht mehr im Zaum halten und hüpfte mehr zu Haustür, als dass sie lief. Sie öffnete diese so schnell, dass der Weihnachtskranz sein Gleichgewicht verlor und vollkommen ohne Besen einen Abflug machte. Dieser musste jedoch für ein paar Sekunden unbeachtet auf ihren Füßen verweilen, da die Stimmen ihrer Freunde sie in ihren Bann zogen:
»Hallo Mary!«, kreischte Ivy nahezu und fiel ihrer Freundin in die Arme.
Sie hatte sie unglaublich auf das gemeinsame Fest gefreut und die Tage am Kalender hinabgezählt.
Hinter ihr traten auch Coud und Kratos ein. Diese taten es Ivy gleich und nahmen die fleißige Gastgeberin in die Arme, um sie zu begrüßen.
»Es ist so schön, dass ihr alle hier seid!«, sagte Mary und biss sich auf die Unterlippe, in der Hoffnung ihre Euphorie damit etwas ausbremsen zu können.
Coud strahlte über beide Ohren, während sich der großgewachsene Kratos duckte, um den Weihnachtskranz endlich vom Boden aufzuheben und ihn wieder an der Haustür aufzuhängen. Obwohl Mary über die freundliche Geste sehr dankbar war, drang sich ihr Instinkt für Perfektion in den Vordergrund und legte selbst Hand an, um ihn milimetergenau gerade zu hängen. Kratos ließ es sich nicht nehmen, um den gerade perfekt hängenden Kranz anzustupsen, sodass dieser wieder schief hing.
Fluchend zwickte Mary diesen in den Oberarm, wohlwissend, dass dieser ihn durch seine dicke Jacke kaum spüren würde und richtete das geliebte Schmuckstück erneut gerade.
Währenddessen half Coud Ivy dabei sich ihrer Jacke zu entledigen und hängte diese zu den anderen an den Ständer.
»Vielen Dank!«, sagte die junge Hexe und legte ihr blondes Haar hinter ihre spitzen Ohren. Dies betonte ihr sonderbares Merkmal, doch die Zeiten, in denen sie sich für ihre Ohren schämte, waren vorbei. Heute würde sie Iwans Schwester Raisa und seine neue Freundin kennenlernen und sie ließ sich nicht von den möglichen Reaktionen kränken!
Coud lächelte ganz tugendhaft, nachdem die junge Ivy sich bei ihm bedankt hatte. Glücklicherweise hatte Kratos sie abgelenkt und somit nicht mitbekommen, dass Couds Wangen, die von der Kälte bereits rot angelaufen waren, sich noch intensiver Rot färbten.
»Und was ist mit meiner Jacke?«, wollte Kratos wissen.
Coud konnte sich ein leichtes Seufzen nicht von den Lippen sparen und hielt seine Hand hin, wartend, dass Kratos ihm seine Jacke reichen würde.
Doch Kratos gab sich mit dieser Geste noch nicht zufrieden: »Oh nein! Du wirst sie mir auch schön ausziehen.«
Kratos legte seine Stirn in Falten, während die Frauen zu lachen begannen.
»Ja, ich komm' hier irgendwie nicht raus! Hilf mir mal, Edward!«
Am liebsten wäre Coud vor Scham weggestürmt, aber er blieb sich selbst loyal und half auch Kratos aus der Jacke. Zumindest versuchte er das, denn sein großgewachsener Freund setzte noch einen oben drauf: Es kniff mit seinen Fingern in das Innenfutter der Ärmel und verhinderte so, dass Coud ihm die Jacke abstreifen konnte. Diesmal runzelte er die Stirn, bis es begriff, dass Kratos ihn erneut neckte. Coud aber kannte seinen guten Freund und kniff ihn nicht unsanft in den Bauch. Unerwartet zuckte dieser zusammen und ließ locker. Coud reagierte schnell und schon hatte er die Jacke in der Hand. Schnell eilte er zum Jackenständer, in der Befürchtung, Kratos hatte noch ein weiteres Ass im Ärmel.
»Autsch! Hey, das sind Frauenwaffen! Das zählt nicht!«, sagte dieser empört.
Mary und Ivy begaben sich ins Wohnzimmer und erwiderten: »Sei nicht so ein Mädchen!«
Coud gesellte sich zu den Damen, konnte sich aber ein verschmitztes Lächeln seitens Kratos nicht verkneifen. Dieser folgte den dreien schmollend.
Der junge Zauberer betrat das Wohnzimmer und atmete den Duft von einem köstlichen Weihnachtsessen, der in der Luft lag, tief ein. Seit Mittag hatte sein Magen ständig appelliert und um Nahrung geschrien. Doch all der Stress hatte es ihm nicht ermöglicht seinem Bedürfnis nachzugeben: Der Tag hatte damit begonnen, dass Coud etwas geschehen war, was ihm wohl niemand zuzutrauen vermochte: Er hatte verschlafen. Ivy hatte zwar rechtzeitig die Federn verlassen, dafür aber viel Zeit in Kleidung, Make-Up und Haare investiert, was eigentlich ziemlich untypisch für sie war. Ivy war eine junge Frau, die mit ihrer natürlichen Schönheit glänzte, umso verständlicher war es, dass sie für dieses dezente Styling dennoch so viel Zeit benötigt hatte. Und er war es, der sowohl sie, als auch Coud mehr als ein Mal daran hatte erinnern müssen, dass Unpünktlichkeit heute mal auf seinen Verdienst gutgeschrieben werden sollte. Generell pflegte er wenig Verstand für die Wahl dieses Ortes. Wiese musste die Weihnachtsfeier in einem völlig abgelegenen Berghang stattfinden, eingefasst in meterhohem Schnee?
»Kratos, hallo!«, begrüßte Mary ihn und fiel ihm regelrecht in die Arme.
Das Gefühl seine gute Freundin in den Armen zu halten erfüllte ihn mit wohltuender Wärme, die seinen Körper einnahm.
»Und, habt ihr die Hütte ohne Turbulenzen ausfindig machen können?«, wollte die junge Brünette wissen.
»Nun ja, eine Karte des Rumtreibers hätte einiges erspart«, entgegnete dieser und schenkte ihr ein Zwinkern.
»Oh weh, das müsst ihr uns bis ins letzte Detail berichten! Das Abendessen ist gleich fertig.«
Noch ehe der letzte Satz Marys Lippen verlassen hatte, schrie sein Magen um Aufmerksamkeit.
»Stell dich doch schonmal den anderen vor!«, schlug die junge Hexe vor und verschwand in der Küche, um nach dem Festessen zu sehen.
Ivy folgte ihr.
Kratos ließ seinen Blick auf die anwesenden Personen schweifen: Zu Gast der Weihnachtsfeier waren heute Mary, Ivy und Coud, sowie er. Damit hatte er alle Nicht-Muggel im Raum aufgezählt und auch jene, die ihm Bekannt waren. Das Gesicht des jungen Mannes Iwan, welcher gerade Bekanntschaft mit Coud machte, kannte er bereits. Schon oft hatte Mary von ihm erzählt, doch nur bei wenigen ihrer Treffen war er anwesend gewesen. Anders war es bei seiner kleinen Schwester namens Raisa. Mary hatte die 16-jährige mit hüftlangem, nussbraunen, in Wellen gelegten Haar beschrieben, die aus blauen Augen in die Welt sah. Ihre Statur war kurvig, aber nicht dicklich. Schon bald bleiben Kratos Augen an jener Person hängen, welche genau auf die Beschreibung von Mary zutraf. Und tatsächlich: Marys Aussage, sie besäße sehr freundliche und niedliche Gesichtszüge, konnte er ohne Einwände bestätigen.
Neben Iwans Schwester stand eine weitere Frau, welche demnach die neue Freundin von Iwan sein musste. Ivys Aussagen zufolge, musste Mary Iwan wohl darum angefleht haben, diese hierhin zu bringen. Grund sollte angeblich ihre Abneigung gegenüber der allgemeinen Menschheit sein. Doch genau diesen Fakt verstand Kratos eben nicht: Sowohl Mary, als auch Ivy hatten ihm bestätigt, dass sie keine Hexe war. Warum also empfand sie so?
Dass diese These nicht erfunden war, war dem Gesicht der jungen Frau deutlich abzulesen. Ihr Lächeln wirkte erzwungen, ihre Körperhaltung war steif. Sie rieb über Raisas Rücken und schenkte ihr ein breites Lächeln. Kratos war sich nicht sicher, ob dieses ebenfalls nur aufgesetzt war. Sie warf ihr hüftlanges, in Wellen gelegtes Haar über ihre Schulter. Auffällig war dessen Farbe: Es war in einem kräftigen Zinnoberrot gekleidet, die Augen ebenso. Ihr nahezu makelloses Gesicht hatte sie nur sehr dezent geschminkt. Bei einer anderen Sache hielt sie sich jedoch nicht zurück: Auffällig war ihr üppiges Dekolletee. Das weiße Spitzenkleid, für das sie sich entschieden hatte,verlieh ihr ein unschuldiges Antlitz, doch hatte es wenig Erfolg, den Blick von ihrem großzügigen Dekolletee abzulenken. Ob sie damit wohl verhindern wollte, dass man sie als solche ansah, welche den nuttigen Stil bevorzugte?
Kratos legte sich eine Hand an die Schläfe und schüttelte seinen Kopf, folglich, als er seinen Gedankengang analysiert hatte. Was ging bloß in seinem Kopf vor, sich über solch einen Irrsinn Gedanken zu machen? Er kannte die Frau ja nicht einmal! Das sollte sich jedoch ändern! Er hatte sich für den heutigen Abend ein Ziel gesetzt. Er würde sie zur Rechenschaft bringen, ihrer Abneigung der Menschen wegen. Er gehörte nicht zu den Zauberern, welche die Muggel als unrein ansahen. Sie waren ein Teil dieses Planeten und all jene, die anderer Meinung waren, all jene, die Menschen, die sie für anders hielten − sei es Hautfarbe, Religion, sexuelle Ausrichtung, Kleidungsstil oder war auch immer − bezeichnete er als intolerant. Und welch besseren Anlass gab es, um einer verwirrten Menschenseele reinen Verstand zu schenken, als der heilige Abend? Dies war das größte Geschenk, welches man einem Menschen oder einem Muggel machen konnte!
Entschlossen ging er auf den Rotschopf zu stellte sich vor:
»Guten Abend«, begann dieser die Konversation. »Ich bin Kratos Anders.«
Die Rothaarige sah zu ihm hinauf und schenkte ihm ein Lächeln.
»Guten Abend, ich bin Leyra.«
Kratos erwiderte dieses, versuchte aber in ihrem Blick zu lesen. Diese jedoch merkte dies schnell und wollte wissen:
»Woran denken Sie gerade?«
Etwas überrascht über die schnelle Analyse seines Blickes, den er als vollkommen natürlich empfunden hatte, entfloh ihm der nächstbeste Satz, der ihm durch den Kopf schwirrte, um das Gespräch nicht in die falschen Bahnen zu lenken:
»Oh, verzeih. Sie sind .. hübsch anzusehen.«
Leyras Lächelns weitete sich, während Kratos sich in seinen Gedanken auspeitschte. Eine schlechtere Ausrede hätte ihm wirklich nicht von den Lippen fließen können!
»Vielen Dank«, entgegnete diese und sprach weiter »Ich habe gehört, Sie sind ein guter Freund von Mary.«
»Das ist richtig«, stimmte dieser zu.
Plötzlich schwieg sie. Kratos wollte sich nicht eingestehen, dass Leyra über ein sehr aufmerksames Verhalten verfügte. Nur selten musste er sich so anstrengen, um mit jemandem auf solch einem Level mithalten zu können. Normalerweise war er es, welcher sein Gegenüber mit der Macht seiner Worte um den Finger wickelte.
Das Schweigen wurde von Iwan unterbrochen, der sich neben seine Freundin gesellte und ihm eine Hand hinhielt:
»Guten Tag. Wir kennen uns bereits, richtig?«
Ein kurzes Zögern eröffnete sein Gespräch mit Iwan: »Ja«
»Ziemlich kalt draußen, oder?«
Kratos warf einen Blick nach draußen. Leichte Windböen trugen den Schnee durch die Luft und tauchten die Welt auch jenseits des Bodens in Weiß.
»Ja, ziemlich«
Iwans Freundin wechselte einen leicht irritierten Blick mit ihm aus, den Kratos nicht verstand. Es war die junge Raisa, die ihm die Möglichkeit raubte, sich darüber den Kopf zu zerbrechen und stellte sich ebenfalls vor. Ihre Begeisterung sprühte förmlich aus ihren Augen, aus ihrem Gesicht, aus ihrer Körperhaltung. Keine Sekunde hatte sie stehen bleiben können, ohne ihre offensichtlichen Freude zur Schau zu tragen. Nahezu ohne Luft zu holen redete sie über ihre Reise hier hin, ihre Freude auf das Festessen, die Freude mit den hier Anwesenden den Abend verbringen zu dürfen. Beinahe hatte Kratos das Gefühl ein kleines Kind vor sich stehen zu haben, welches die Bescherung kaum erwarten konnte.
Inzwischen war Ivy aus der Küche zurückgekehrt und teilte erfreut mit, dass Mary wohl das Unmögliche geschafft hatte: Sie hatte sich wieder einmal übertroffen! In wenigen Minuten würden sie das Essen servieren und die Anwesenden verschenkten Ihrer Freude Jubeln.
Ivy eilte zum Tisch und räumte den weihnachtlichen Schmuck in der Mitte der Platte beiseite, um Platz für das bald folgende Essen zu schaffen. Etwas unbeholfen sah sie aus, als sie den massiven Weihnachtskranz aus Holz hob. Sofort eilte Coud ihr zur Hilfe und nahm ihr diesen ab.
»Oh, vielen Dank!«
»An Weihnachten bin ich mal so nett«, scherzte der junge Zauberer mit dem schwarzen Haar.
Ivy stemmte ihre Hände in die Hüften und entgegnete: »Ist das so, ja? Nun, ich würde dir empfehlen diese vollkommen untypische Höflichkeit beizubehalten, denn zu unartigen Kindern kommt der Weihnachtsmann nicht!«
Coud konnte nicht anders, als kurz aufzulachen, während er den Kranz auf einem Schrank abstellte. Ivy streifte ihr blondes Haar hinter ihre Ohren, während sie in die Platzschaffung auf dem Tisch vertieft war. Wieder und wieder rutschte es hervor und fiel in ihr hübsches Gesicht. Sie wirkte, als wäre sie gedanklich weit weg, doch war sie konzentriert. Bald empfand sie das Eigenleben ihrer Haare, die vom Kerzenlicht Gold erschienen, als nervig. Kurzerhand eilte sie in den Flur, um sich mit einem engen Freund einer fast jeden Frau zu bewaffnen: Dem Haargummi. Mit nur zwei Handgriffen band sie ihr hübsches Haar zu einem Zopf und konnte nun in Ruhe ihrer Arbeit nachgehen.
Ein heiteres »Hallo!« erschien plötzlich neben seinem Ohr. Coud sah zur Seite und blickte in Raisas große Augen.
»Oh, guten Tag«, entgegnete der junge Zauberer, wohlwissend, dass sie sich einander bereits vorgestellt hatten.
»Wie ich sehe amüsierst du dich«, warf die junge Frau ein.
Coud stimmte zu: »Ja. Ich war so erfreut, als ich die Einladung bekommen habe. Es war eine großartige Idee von Mary und Iwan ein gemeinsames Weihnachtsfest zu veranstalten. Die beiden sehen einander viel zu selten. Alle beisammen, am Abend der Weihnacht, ist Ereignis, auf das ich mich schon seit Wochen gefreut habe.«
»Das verstehe ich! Mir ging es genauso! Alle hier sehen so fröhlich aus und die Hütte erst!«
»Ja, da haben Mary und dein Bruder sich wirklich Mühe gegeben.«
»Oh, der schöne Weihnachtsschmuck ist alleine Mary zu verdanken. Iwan ist zwar ein Freund von Weihnachten, umso weniger aber von Dekoration, besonders Weihnachtsdekoration.«
Coud reagierte etwas überrascht: »Tatsächlich? Nun, das gehört doch zur Weihnacht dazu, oder nicht?«
»Ja, das sieht er auch so. Er mag es, wenn unsere Mutter immer alles weihnachtlich schmückt. Aber er steht nicht so auf Glitzer. Er hat eine regelrechte Kitschphobie!«
Coud lächelte erneut.
»Na ja, das geht vielen Männern so. Irgendwo sind wir alle gleich, zumindest fast alle.«
Raisa trat näher heran und stimmte auf dieser Aussage mit einem anderen Aspekt zu:
»Oh, das ist wohl wahr. Aber weißt du, worin ALLE Männer gleich sind?«
Coud wirkte ganz ohr.
»Wenn sie der Schönheit einer Frau verfallen sind, dann tun sie sich sehr schwer ihre Augen von ihr zu lassen.«
Coud atmete tief ein, jedoch nicht aus. Scheinbar hatte er Probleme Raisa zu folgen.
Mit einem verschmitzten Lächeln brachte sie ihre Gedanken zu Wort: »Komm schon, du magst Ivy, oder? Oder?«
Couds Augen weiteten sich explosiv, sein Mund fiel auf und tatsächlich konnte Raisa das Rot auf seinen Wangen erkennen, welches es nur sehr schwer machte, das folgende Abschreiten zu glauben:
»Oh, nein! Ich meine, ja. Ich mag sie, aber nicht auf diese Weise!«
»Ach komm schon! Das sieht je selbst ein Blinder! Du beobachtest sie schon die ganze Zeit!«
»Was so viel bedeutet, dass du mich die ganze Zeit beobachtest?«
»Wie kommst du darauf?«, verstand die Brünette nicht recht.
»Na ja, sonst wüsstest du nicht, dass ich sie die ganze ...«
Vor Schreck hatte es Coud die Sprache verschlagen. Nun hatte er sich selbst verraten! Der Scham kletterte von den Fußspitzen zu seiner Kehle empor und gab ihm das Gefühl zu ersticken. Doch verfügte Iwans Schwester über eine sonderbare Medizin: Ihre Freude! Strahlend hüpfte sich auf der Stelle, ihre Hände ineinander. Ihr langes Haar flog dabei auf und ab. Couds stockender Atem regulierte sich wieder.
»Das ist so unglaublich süß! Ich wette ihr beide gebt ein tolles Pärchen ab!«
Plötzlich überrannte den jungen Zauberer ein Haufen von Gefühlen, die in seinem Innersten ein schieres Chaos anrichteten. Dabei bemerkte er nicht, wie seine Gesichtszüge augenblicklich entgleisten. Raisa schien ein schlaues Mädchen zu sein, so wurde ihm schnell klar, dass jeglicher Versuch eine Ausrede als glaubend zu verkaufen sinnlos war. In nur wenigen Minuten hatte sie etwas über ihn herausgefunden, was er selber noch nicht wirklich entdeckt hatte. Vielleicht war diese Bezeichnung falsch. Wohl eher wäre richtiger zu behaupten, dass Coud sich über seine Gefühle für Ivy im Klaren war, doch lösten diese in ihm nicht nur das Bauchkribbeln aus, welches in Romanen für Höhenflüge der Charaktere sorgte. Da war auch noch etwas anderes.
»Tut mir leid!«, sagte Raisa und riss ihn damit aus seinen Gedanken. »Ich wollte dir nicht zu nahe treten!«
Coud biss sich auf die Lippen und zwang sich ein Lächeln auf.
»Ist schon okay.«
Wohl merklich fühlte Raisa sich schlecht und verabschiedete sich mit den Worten:
»Ich lasse dich besser mal alleine. Tut mir leid.«
Coud wollte sie aufhalten, etwas sagen, um ihre Bedrücktheit zu lindern, doch kam nichts aus seinem Mund. Es war, als hätte sich sein Gehirn gegen ihn gestellt. Seine Kehle war trocken, sein Kopf voller Gedanken. Raisa war inzwischen an Ivys Seite in die Küche verschwunden.
Coud versuchte seine Schuldgefühle mit einem Seufzer aus seinem Körper zu befördern. Selbstverständlich hatte dies nicht funktioniert.

Kratos führte ein Glas Wein zu seinem Mund und nahm einen Schluck. Daraufhin verzog er das Gesicht. Dieser Wein schmeckte fürchterlich! Doch wieso trank er ihn dann? Er stellte das Glas beiseite und beobachtete die rothaarige Frau. Sie bestaunte die weihnachtliche Dekoration und lächelte erfreut. Gleichzeitig jedoch wich dieses andauernd, während sie mit Iwan immer wieder sehr ernst wirkende Worte austauschte. Kratos spürte, dass diese Frau ein falsches Spiel spielte. Es war offensichtlich, dass diese ihre Anwesenheit nicht genoss.
Nun wurde Iwans Name gerufen. Schnell begab dieser sich in die Küche. Daraufhin fiel Kratos auf, dass sich nur noch er, Leyra und Coud im Wohnzimmer aufhielten. Kratos nutzte die Gelegenheit und nahm sich vor die Rothaarige in Angriff zu nehmen. Vorher aber trank er den Rest aus seinem Weinglas aus.
Während Leyra sich hingesetzt hatte, lehnte sich dieser an den Tisch und begann eine erneute Konversation:
»Ich habe gehört, du bist das erste Mal in diesem Land. Wie gefällt es dir bisher?«
»Bisher habe ich noch nicht viel sehen können, aber das werde ich nachholen. Aber Berge voller Schnee sind sehr schön!«
Kratos wirkte nicht gerade überzeugt.
»Nein, wirklich! Ich mag Schnee! Dort wo ich herkomme, gibt es keinen Schnee.«
»Und wo kommst du her, wenn ich fragen darf?«
Leyra zögerte. »Aus einem weit entfernten Land. Nicht von Bedeutung.«
Kratos runzelte seine Stirn.
»Nicht von Bedeutung?«, wiederholte er. »Das klingt ja nicht sehr begeistert.«
»Oh, keine Sorge. Ich liebe mein Heim.«
»Keine Sorge, ja? Weshalb dann so abwertende Worte?«
Diesmal war es Leyra, die ihre Stirn runzelte.
»Das waren keine abwertenden Worte. Ich rede nur nicht gerne darüber. Ich hoffe, du verstehst das.«
Kratos konnte kaum fassen, was gerade geschehen war. Er war es, welcher das tolerante Verhalten des Anderen aufwerten wollte, nun war sie es, die seine eigenen Waffen auf ihn richtete. Kratos knirschte seine Zähne und schien dabei nicht zu bemerken, wohin sein Blick gewandert war.
»Gefällt dir was du siehst?«
Plötzlich realisierte er, dass seine Augen auf ihren Brüsten ruhten.
»Tse«, zischte er. »Was hast du denn erwartet, wenn du deine Glocken so raushängen lässt? Dass wir Männer schön brav weggucken?«
Leyra erhob sich und fuhr fort: »Nein, das erwarte ich nicht. Ab und an zeige ich gerne mal, was ich habe. Ist das verboten?«
»Nein, aber an Anlässen wie diesen durchaus unangebracht.«
Leyra zog eine Augenbraue in die Höhe und wirkte mit einem leichten Lächeln leicht amüsiert. Doch dies sollte sich schnell ändern, als Kratos die folgenden Worte in den Mund nahm:
»Das hier ist eine Weihnachtsfeier und kein Freudenhaus.«
Nun wich Leyras Lächeln einem verwirrten Blick. Damit hatte Kratos nicht gerechnet. Er war überzeugt gewesen, Leyra hätte mit Entsetzen reagiert, worüber er sich hätte innerlich amüsieren können. Wie es schien, biss er sich an dieser Frau einen Zahn ab. Coud war es, der den Stein ins Rollen brachte, als er beim Passieren der beiden in den Raum warf:
»Hey, worüber redet ihr gerade?«
Kratos ließ Leyra nicht zu Wort kommen und antwortete: »Von 'nem Puff.«
Coud hielt inne und sowohl er als auch Leyra sahen den groß gewachsenen Zauberer entsetzt an.
Ivy erschien hinter Coud und schob ihn vor sich her, um sich Platz zu verschaffen. Damit waren die beiden wieder unter sich und Kratos lächelte verschmitzt. Doch leider hatte der Witz wieder nur für eine Niete gesorgt:
Statt einer Antwort seitens der rothaarigen Frau, wandte diese sich einfach wortlos von ihm ab. Mit schnellen Schritten gesellte sie sich zu ihrem Freund und begann sich mit diesem zu unterhalten. Kratos seufzte tief in sich hinein. Er war sich nicht sicher, was er gerade getan hatte.

»Hey«, empfing Iwan seine Freundin und legte einen Arm um sie. »Amüsierst du dich?«
Leyra wirkte nicht annähernd so entspannt wie Iwan und warf mit bösen Blicken um sich.
»Bestens«
»Ach komm«, versuchte er sie zu beruhigen. »Gib dir selber erst mal eine Chance die anderen kennenzulernen. So schnell geht das nicht.«
»Das sagt ja gerade der Richtige«, giftete der rote Stern.
Iwan schwieg, das Entsetzen hatte ihm die Sprache geraubt.
Leyra biss sich auf die Oberlippe und entschuldigte sich.
»Es tut mir leid. Es ist nur ... ja, ich habe bereits Bekanntschaft gemacht. Ivy ist ein nettes, leicht schüchternes Mädchen, Mary sehr fleißig, wobei sie manchmal wirkt, als wäre sie mit ihren Gedanken weit weg, Coud ist die männliche Verkörperung von Schüchternheit und Höflichkeit und über deine Schwester muss ich dir ja wohl nichts erzählen. Und über Kratos habe ich gelernt, dass er seine Meinung gerade und direkt vertritt. So meinte er eben zu mir, wir befänden uns in einem Puff, aufgrund meines Dekolletees.«
Iwan seufzte und versuchte seine Freundin besser zu stimmen, da er wusste wozu sie bei schlechter Laune in der Lage war.
»Er hat nur einen Scherz gemacht. Kratos hat einen ... sehr trockenen Humor. Daran muss man sich erst mal gewöhnen.«
Leyra schnaufte beleidigt und ging Iwans Blick aus dem Weg.
»Außerdem«, fügte er hinzu »gefällt ihm der Anblick sicher. Ich finde ihn jedenfalls klasse.«
Leyra wollte etwas darauf erwidern, doch Iwan stahl ihr die Chance und drückte sie an sich. Für diesen Augenblick vergaß Leyra ihre Wut und schloss ihre Augen.
Nicht nur Kratos' Augen ruhten auf den beiden Sternen, über dessen Existenz nur Mary und Iwans Schwester Bescheid verfügten. Auch die graublauen Augen von Coud ruhten auf dem jungen Paar. Während Kratos dies aus Neugierde tat, sprachen aus Couds Augen Schmerz und Sehnsucht. Der Anblick des jungen Glücks erwärmte zwar sein Gemüt, aber nicht sein Herz. Wie gerne würde er jene Frau so in seinen Armen halten, wie Iwan es mit Leyra tat?
Doch es war falsch so zu denken! Mit aller Gewalt versuchte er das stille Verlangen seines Herzens zu unterdrücken, doch scheiterte er jedes Mal, sobald er sie ansah. Sie, die ihn für einen Moment alle Sorgen vergessen ließ und zugleich dutzende hinzufügte.
Wie lange würde er dieses Versteckspiel noch ertragen können?
Wie lange konnte er diese Last noch auf seinen Schultern tragen?
Und wann würde er daran zerbrechen?
Coud verschränkte seine Arme, um die plötzlich eingetretene Kälte, die seinen Körper einnahm, zu lindern. Vielleicht hatte die junge Raisa nicht ganz Unrecht?
Besagte Person konnte ihre Emotionen nicht im Zaum halten und schmunzelte, als stünde sie als Darstellerin für eine Märchenverfilmung vor einer Kamera, mit Iwan und Leyra in den Hauptrollen. Sie sah Iwan als Prinz Eric, der seine Prinzessin Arielle nie mehr loslassen wollte. Zwar war Leyra keine Meerjungfrau, aber ebenso wie die Prinzessin nicht menschlich. Doch war es nicht der Vergleich mit den beiden Märchenfiguren, der Raisa so fröhlich stimme. Nein, es war das Glück, welches ihr Bruder in dem roten Stern gefunden hatte. Nach dem tragischen Tod seiner ersten Freundin, den er nur sehr schwer verkraftet hatte, tat es so gut, ihn endlich wieder glücklich zu sehen.
Als Leyra sich wieder von ihm löste, merkte Raisa, wie ihre Beine sich selbstständig machten und ihren Körper, ohne Einstimmung ihres Willens, zu den beiden Liebenden führte. Als verfügte ihr Körper über ein Eigenleben, sprach sie: »Ihr beide seid so süß! Haben wir hier Mistelzweige?«
»Dafür brauche ich keinen Mistelzweig«, gab Iwan an.
Raisa aber sah das anders: »Nun sei doch nicht so! Wo bleibt deine Vorliebe für weihnachtliche Sitten?«
»Was genau meist du mit Mistelzweig?«, verstand Leyra, der von Iwan nur die weihnachtlichen Grundlagen erläutert wurden, nicht ganz.
Iwan lächelte und antwortete: »Ich zeige es dir«
Der junge Stern begab sich zur Eingangstür, über der ein Mistelzweig angebracht und von noch keinem der Gäste registriert worden war. Mit einer Armbewegung hatte er den kleinen Ast von dem Nagel geholt und ihn skeptisch betrachtet. Dieses Exemplar schien wohl nicht mehr das Jüngste zu sein, doch würde es noch immer seinen Soll erfüllen. Ein Kribbeln in seiner Magengegend erschien und kletterte hinab in seine Finger. Ein Lächeln schlich sich auf seine Lippen, als er sich umdrehte und plötzlich Leyra selbst vor ihm stand. Ihm blieb die Sprache weg, als er realisierte, in welche Situation ihre Anwesenheit die beiden nun brachte. Sein Blick wandte zum Mistelzweig in seiner Hand, doch statt eines Kusses, bescherte er dem jungen Stern einen Raubzug seitens seiner Freundin.
»Deinen Pullover, kannst du ihn mir leihen?«
Dem Jungstern wurde der Boden unter seinen weggerissen. Völlig verwirrt und verloren in einem Chaos voll Gedanken stand er da.
»Iwan?«, wiederholte die Unwissende.
Der verwirrte Mann brauchte ein paar Sekunden, um seine Gedanken zu ordnen und die Fassung wiederzuerlangen. »Ich ähm ... , was? Wofür brauchst du denn einen Pullover? Du bist ein Spheroonstern!«
Leyra antwortete mit der Geste, die Iwan an ihr so liebte: Sie zog majestätisch eine Augenbraue in die Höhe und degradierte ihn mit dieser Antwort auf das Feld jener, die für die Sicherung ihres Überlebens zu schweigen hatten.
»Darf man dann fragen weshalb du einen trägst, junger Mann? Zwar bist du kein Spheroonstern, aber wir beide wissen, dass die 20 Grad unter Null da draußen ein Witz sind.«
Iwan seufzte laut und entledigte sich seines Pullovers.
»Ich dachte, ich kleide mich mal der Jahreszeit entsprechend, um nicht mit T-Shirt und luftiger Jeans aufzufallen.«
Leyra nahm ihm diesen ab,zog ihn sich über und fügte hinzu: »Und natürlich rettest du deiner Freundin damit den Abend und deinem Freund Kratos das Leben.«
Iwan begriff und wollte die bereits sich wieder in das Wohnzimmer begebende Leyra zu beruhigen:
»Leyra, jetzt mach' dir doch keinen Kopf! Was ist denn heute los mit dir? Du bist doch sonst nicht so verletzlich!«
Leyra hielt inne und wandte sich zu ihm. Sie wollte etwas sagen, fand aber nicht die richtigen Worte und machte Kehrt. Iwan sah dem roten Stern verunsichert hinterher, als diese die Gesellschaft bei seiner kleinen Schwester suchte. Iwan war sich sicher, dass Leyra unter Nervosität litt, ausgelöst durch all die unbekannten Gesichter. Die Tatsache, dass sie ein fremdes Fest feierte, umgeben von fremden Menschen und das auch noch auf dem Planeten Erde, schien ihrem sonst so selbstsicheren und durchsetzungsvermögenden Charakter zuzusetzen.

Sofort nahm Mary ihre Beine in die Hand und rannte ins Freie hinaus. Leyra folgte ihr zur Tür, an der ihr das Fehlen von Raisas Schuhen und ihrer Jacke auffiel. Der Körper der Rothaarigen wurde von einem Schauer heimgesucht. Während Mary die Hütte umkreiste, in der Hoffnung Ivy finden zu können, ahmte Leyra diese in ihrem Vorhaben nach, um nach einem Lebenszeichen Raisas zu suchen. Die Angst erklomm ihren Körper. Eine Gänsehaut zeichnete sich auf ihrem Körper ab, doch war es nicht die Kälte, welche für ihr Frieren Schuld trug. Verzweifelt fuhr sie sich durch das Haar. Die Fingernägel gruben sich in ihre Kopfhaut, während Mary lauthals zu fluchen begann.
»Von Ivy fehlt jede Spur!«, bestätigte diese.
»Nicht nur das! Auch Raisa kann ich nicht finden!«, fügte die Rothaarige hinzu.
Marys Atem stockte. »Nein«, entwich es ihrer Kehle, gefolgt von unübersehbarer Fassungslosigkeit.
»Glaubst du, sie ist Ivy gefolgt?«, befürchtete die junge Hexe.
»Nein. Das ist untypisch für sie.«, dachte Leyra laut. »Wobei ... na ja, sie hat irgendwas bezüglich ihr und Coud im Schilde geführt.«
»Du meinst, sie ist Ivy gefolgt, um mit ihr alleine zu sein?!«, wollte Mary nicht ganz glauben.
»Ich will ja jetzt mal nicht gemein sein, aber im Moment ist es völlig gleichgültig, aus welchen Gründen Raisa Ivy gefolgt ist. Wir müssen die beiden finden und zwar augenblicklich!«
Kratos, welcher nur mit einem Spannbettlaken bekleidet war, umklammerte seinen Oberkörper, seine Glieder zitterten.
»Das kommt gar nicht in Frage«, befahl Leyra. »Du wirst hier bleiben und aufpassen, dass niemand unsere Hütte auf den Kopf stellt.«
»Wer zum Teufel würde sich bei dem Wetter hier hin verirren?«, fluchte der Frierende.
»All jene, die nach einem warmen Heim suchen!«
»Leyra hat Recht!«, stimmte Mary zu. »Du holst dir noch den Tod!«
»Leyra kann doch dafür sorgen, dass mir warm bleibt!«
Die zwei Frauen seufzten und wandten sich mit einem Augenrollen von dem jungen Zauberer, der sich in einer sehr misslichen Lage befand, ab. Achtlos hob Leyra die junge Hexe auf ihren Rücken und raste in ungeheurer Geschwindigkeit durch den Schnee. Das Staunen hatte Kratos eingenommen, so dass er nicht realisierte, dass der Wind sein Kleidungsstück aufblies und somit den Blick auf jegliche intime Regionen frei gab. Er brauchte ein paar Sekunden, um zu reagieren, wohl wissend, dass nun niemand mehr anwesend war, um den Scham in ihm aufleben zu lassen.
Schnell eilte er in die Hütte zurück und ließ sich noch immer frierend auf einen der Stühle fallen. Sein Blick ruhte auf beiden Puten. Die Eine von Mary auf traditionellem Wege zubereitet und jene, die er mit seinem Zauberstab erschaffen hatte.
Ein Seufzer entfuhr seiner Kehle. Seinen Kopf wurde von seiner Hand gestützt. Sekunden strichen in die Luft, bis er begriff, dass der Zauberstab, welcher auf dem Tisch ruhte, nicht der seiner war, sondern der von Mary. Sie musste diesen im Eifer des Gefechts aus Versehen, statt seinem, aus ihrem Sweatshirt auf dem Tisch abgelegt haben! Keine weitere Zeit verschwendete er und sprang vom Stuhl auf. Dieser flog bei der ruckartigen Bewegung um. Hastig griff er nach Marys Zauberstab und eilte in die Kälte hinaus.
Als sein blanker Fuß den Schnee berührte, erschauderte sein Körper. Achtlos knallte er die Tür hinter sich zu, biss seine Zähne zusammen und schleppte seinen frierenden Körper durch den meterhohen Schnee. Trotz der Minusgrade ahnte er nichts von den ansteigenden Temperaturen innerhalb der hölzernen Mauern, die er gerade eben verlassen hatte. Das Material der Wände begann zu glühen, Dampf stieg seicht empor und wurde von der stets wachsenden Kraft des Windes hinfort geweht.

Kratos rannte so schnell er konnte. Seine Kehle brannte vor Schmerzen, seine Beine erschienen ihm taub und dennoch trugen sie ihn in anhaltender Geschwindigkeit durch den Schnee. Die Tatsache, dass Iwan nicht mehr zu erkennen war, steigerte seine Verzweiflung in unermessliche Höhe.
Coud sah Ivys Gesicht vor seinen Augen. Er sah ihr hübsches, blondes Haar, welches sie oft hinter ihre spitzen Ohren legte. Ihre blauen Augen strahlten im Sonnenlicht und ihr Lächeln glich dem eines Engels. Niemals durfte ihr etwas zustoßen! Er hatte ihr nicht einmal gesagt, was er für sie empfand! Sie durfte nicht sterben!
Coud versuchte seine Geschwindigkeit beizubehalten, doch spürte er, wie seine Glieder nachließen. Er kämpfte gegen die ansteigende Schwäche an, war jedoch machtlos. Er begann zu schreien, wollte sich nicht dem aufkeimenden Versagen seines Körpers hingeben.
Ein schmerzerfülltes Keuchen entwich Couds Kehle, als die Knie sein Körpergewicht nicht mehr tragen konnten. Seine Finger und Füße waren bereits taub, Tränen rannten über sein Gesicht, die binnen Sekunden zu frieren begannen. Er wollte diese aus seinem Gesicht entfernen, doch auch diesen Weg schafften seine Hände nicht mehr. Wieder wollte er schreien, seiner Verzweiflung freien Lauf geben, aber sein Körper gehorchte ihm nicht mehr.
»Nein, so darf es nicht enden«, flüsterte er, noch immer nach Luft hechelnd.
Er spürte ein seichtes Kitzeln auf seiner Haut. Eine Träne suchte den Weg zu seinem Wangenknochen. Es folgte eine Weitere. Plötzlich realisierte er, dass diese wieder geschmolzen waren. Folgend bemerkte er die ansteigende Wärme, die ihn umgab. Ob er bereits tot war?
Das durfte nicht sein! Wer sollte Ivy retten?
Die Wärme wich einer rasch ansteigenden Hitze. Couds Muskeln begannen wieder zu arbeiten, das Bild wurde klarer. Ein Licht erschien hinter ihm. Langsam drehte er sich um. Noch ehe er dazu in der Lage war das rötliche Licht zu analysieren, wurde er auf die Beine gerissen und spürte plötzlich wie der Wind ihm hart ins Gesicht schlug.

Iwan erreichte eine Lichtung, konnte Ivy jedoch nicht ausfindig machen. Die Hände über dem Kopf zerschlagen, stöhnte er angsterfüllt. Ein lautes Grollen ertönte. Iwan schreckte auf und befürchtete eine sich ankündigende Lawine. Er hatte nicht mehr viel Zeit! Der junge Stern wollte seinen Weg fortsetzen, doch wurde er von einer weiteren Vision eingeholt. Bilder drangen sich in seinen Kopf, die er niemals für möglich gehalten hatte.

»Ivy!«, schrie die junge Raisa verzweifelt.
Die Kälte hatte ihren Körper betäubt, ihr Kiefer schmerzte aufgrund des anhaltenden, starken Zusammenbeißens ihrer Zähne.
»Ivy!«, wiederholte die Brünette verzweifelt.
Sie hatte die Ausmaße des Schneesturms vollkommen unterschätzt! Die Angst, welche vorhin ihren Körper in ein Prickeln getunkt hatte, war inzwischen verflogen. Zu sehr hatte ihr Körper an Kraft verloren.
Ihre Beine wurden schwach, sie drohte zu fallen, doch wurde sie aufgefangen. Es war Ivy, welche die Bibbernde gestützt hatte.
»Raisa! Was zum Teufel tust du hier?!«, wollte die Blonde entsetzt wissen.
»Ich wollte ... ich ...«
Ihre Worte fanden den Weg aus ihrer trockenen Kehle nichts mehr ins Freie, so verstummte sie. Ivy legte ihre Hände auf Raisas Wangen und realisierte schnell, dass ihr Körper unterkühlt war. Obwohl auch sie nicht mehr bei Kräften war, legte sie einen Arm um den jungen Mensch und stützte sie. Mit langsamen Schritten stapfte sie gemeinsam mit Raisa durch den Schnee. Die Schubkarre voll Holz hatte die Blonde schon längst stehen gelassen.
Ein lautes Grummeln hatte ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Der Boden unter ihr begann zu beben, das Geräusch wurde immer lauter. Schleppend drehte sie sich um und erblickte mit Entsetzen eine Lawine, welche sich den beiden Frauen in furchterregender Geschwindigkeit näherte. Erst jetzt realisierte die Blonde Frau was sie getan hatte. Wie oft wurde ihr gesagt ihre Wut unter Kontrolle zu halten, da es sonst immer auf sie zurückfiel. Nun würde sie mit der jungen Raisa ins nasse Grab ziehen.
»VERDAMMT!«, brüllte sie warf sich auf diese, während sie einen Blau leuchtenden Gegenstand aus ihrer Jackentasche zog. Die Brünette hatte keine Chance Ivy Vorhaben zu realisieren und klammerte sich angsterfüllt an die junge Hexe. Auf einmal wurde es eisig kalt, das letzte bisschen Wärme schien sich zu weichen. Eine Kugel aus Eis umschloss die jungen Frauen, ehe sie von der Lawine begraben wurden.

Leyra, welche Coud und Mary mitgeschleppt hatte, erreichte endlich den Schauplatz und ließ die Zauberer von ihrem Rücken steigen.
Mary begann sofort panisch zu schreien:
»Ivy! Raisa!«
Schnell griff sie nach ihrem Zauberstab und sprach einen Feuerzauber aus, doch war dieser zu schwach. Sie begann zu fluchen und bemerkte nicht, dass es sich bei diesem Hand nicht um den ihren handelte.
Couds Körper hatte sich dank der Hitze, die der rote Stern abgegeben hatte, wieder erholt. Seine Beine trugen ihn so schnell sie konnten zu der Schneemasse. Wie wild begann er diesen beiseite zu räumen. Als der Japaner realisierte, dass seine Bemühungen vergeblich waren, verlor die Geduld. Er kramte in der Tasche nach seiner Phiole, schüttelte sie kräftig, bis sie gelb aufleuchtete. In der anderen Hand hielt er seinen Zauberstab. Noch nie war seine Phiole für solch einen Zweck von Nöten gewesen. Immer hatte er die Kraft von Lôr gemieden und versucht, Probleme im Kampf auf andere Weise zu lösen. Doch das hier war anders und gerade hatte er einen kräftigen Windstoß bitter nötig. Peitschend haute Coud seinen Zauberstab zur Seite und der liegengebliebene Schnee wurde durch den starken Wind weggefegt. Dieser gab auch das Gebilde aus Eis frei, was Ivy beschworen hatte, um sich und Raisa vor der Lawine zu schützen. Coud stolperte etwas kraftlos darauf zu und hämmerte gegen dieses. Er schrie aus alleine Leibeskräften nach der Frau, die er so sehr liebte. Sie durfte nicht sterben!
Leyra, welche das Geschehen mit Staunen beobachtete hatte, trat neben Coud und legte ihre Hand gegen das Eisgebilde. Sofort begann das Eis zu schmelzen, doch das geschah unerklärlich langsam. Beinahe war sie im Glauben, das Eis sei verzaubert.
Mary hatte inzwischen begriffen, dass sie den Zauberstab von Kratos durch die Lüfte geschwungen hatte. Sie begann zu weinen, als sie dessen Zauberstab vor lauter Wut achtlos in den Schnee werfen wollte. Doch seine Stimme hielt sie davon ab. Zuerst war sie im Glauben, ihr Gehirn würde ihr bereits ein Gespinst vortäuschen. Doch es war Kratos selber, welcher lediglich mit einem Spannbettlaken bekleidet durch den Schnee eilte und ihr ihren Zauberstab zuwarf.
»Fang!«
Als wäre es ein Leichtes gewesen, fing sie diesen mit dem ersten Versuch auf. Sofort unterstützte sie den roten Stern und beschwor einen Feuerzauber. Mit Marys Unterstützung begann nun das Eis zu weichen. Übrig blieben zwei regungslose Körper, die ineinander verschlungen auf der Wiese lagen. Raisa regte sich langsam und erhob ihren Kopf, während die Gestalt Ivys zur Seite fiel und regungslos auf dem Boden lag. Coud war es, welcher sich am schnellsten über die Beiden hockte und mit von Tränen eingenommenen Gesicht Ivy in seine Arme nahm, während Raisa wieder zu sich kam.
»Ivy«, bibberte der Junge Zauberer und wich eine Strähne aus ihrem Gesicht.
In der Zwischenzeit hatten die restlichen Anwesenden die beiden Frauen erreicht. Währenddessen half Mary Raisa auf die Beine und erkundigte sich nach ihrem Wohlergehen. Um dafür zu sorgen, dass ihr Wärmer wurde, ergriff Mary ihre Phiole Lyubuv, aktivierte sie und überreichte sie Raisa, damit sie nicht fror.
»Ivy hat mir das Leben gerettet!«, verkündete die Brünette. »Sie hatte sich schützend auf mich geworfen und hat ... was hat sie eigentlich gemacht?«
»Sie hat Hardath verwendet«, erklärte Kratos und hob dabei Ivys Phiole auf, »aber ich dachte, dass ihr Eis nicht stabil genug wäre.«
»Anscheinend doch«, war Marys Antwort.
Unverständnis stand in Leyras und Raisas Gesicht geschrieben.
Die Windstärke nahm rapide zu, der Schnee begann sich erneut zu erheben. Schuldtragender war Coud, welcher aufgrund des Chaos seiner Emotionen die Kontrolle über die Macht seiner Phiole verloren hatte.
»Ich bins leid diese Kälte im Gesicht zu haben«, fauchte Kratos und holte aus seinem Spanntuch seine Phiole heraus. Nach einem kräftigen Schütteln leuchtete diese Grün auf. Die Erde begann zu beben. Daraufhin stieg Erde empor und bildete eine schützende Mauer um die Anwesenden.
»Unglaublich«, gestand Leyra und konnte ihr beeindruckendes Gesicht nicht verstellen.
Dieses blieb die spitze Bemerkung seitens des jungen Anders aus. Er verneigte sich leicht, um zu zeigen, dass er ihr Kompliment wertschätzte.
Da wurden sie von Coud unterbrochen, welcher gerade Ivys Puls erfühlte.
»S-sie atmete nicht«, keuchte Coud auf und jedem Einzelnen entwischte ein lautes »WAS?«
Sterne, welche als Stern über eine bessere und viel feinere Wahrnehmung als Menschen verfügte, ergriff Ivys rechte Hand. Leicht pulsierte der rote Stern auf und erhellte die ganze Umgebung.
'Komm schon du taffe Hexe. Enttäusch' mich nicht!', dachte sie grimmig und verstärkte ihren Handgriff. Ein Puls trat ein und der Brustkorb der Bewusstlosen begann sich zu heben, wenn auch sehr schwach.
»Sie ist noch am Leben«, verkündete der rote Stern und vernichtete jedermanns schlimmste Befürchtung.
»Hoffentlich hat sie keine Schäden davon getragen«, murmelte Mary und ging neben Leyra in die Knie.
»Ach Quatsch«, murrte Kratos und hockte sich genau dorthin, wo der Kopf der Blonden ruhte. Er rieb sich seine Hände und legte sie auf ihre kalten Ohren.
»Ivy ich bin es ... dein zukünftiger Ehemann«, scherzte dieser im liebevollstem Ton, den Leyra am heutigen Abend von ihm gehört hatte.
Bei den anderen Umstehenden und dem roten Stern selbst fiel die Kinnlade runter. Mit Ausnahme von Mary: Diese stand eher kurz davor, Kratos weich zu kloppen und hier erfrieren zu lassen. Während Ivy um ihr Leben rang, fiel ihm nichts besseres, als solch ein Mist ein?
Dieser hatte es mit seinem Benehmen am heutigen Abend sowieso zu weit getrieben!
Plötzlich regte sich Ivy in Couds Armen und öffnete die Augen. Zornfunkelnd blickte sie zu dem Braunhaarigen hinauf, welcher sie breit angrinste und es genoss, dass seine Neckerei wie immer funktioniert hatte.
Grimmig biss sie sich auf die Lippen, wollte unbedingt ein böses Schimpfwort sagen, doch dann fiel ihr was Besseres ein. Heimlich nahm sie ihren Zauberstab in die Hand, den sie in ihrem Ärmel versteckt hatte. Kurz schnipste sie ihn und ein Haufen Schnee begrub Kratos.
»Bevor ich dich zum Mann nehme, fahre ich lieber in die Hölle«, krächzte sie.
Leyra biss sich auf die Lippen und gab sich Mühe nicht loszulachen. Irgendwie hatte Kratos es verdient. So ging man mit ihm um. Man neckte einfach zurück und lässt seine Sprüche nicht so nah an sich herangehen. Ivy selbst entwich ein breites Grinsen, bevor sie anfing zu zittern und sich beschwerte, welcher Idiot die Heizung ausgestellt hatte.
Couds Tränen der Trauer schwanden denen der Freude. Kaum konnte er sein Glück fassen und drückte Ivy wieder an sich, lachend und Gott dankend, dass dieser sie unversehrt aus dem Geschehen hatte entkommen lassen.

»Wieso hat sie das getan?«, wollte Leyra von Iwan wissen, die sich kurzerhand zu ihm gesellt hatte.
Dieser antwortete mit einer Gegenfrage: »Wieso auch nicht?«
Leyra verstand nicht recht.
»Sie hätte dabei sterben können ...«
»Wie es scheint, entsprechen nicht alle Menschen oder menschenähnliche Wesen deiner Definition dieser Spezies. Ja, unter ihnen mag es viele Sünder geben, doch diese gibt es auch bei uns. Und Menschen wie Ivy gehören zu denen, die man nicht dazu zählen kann.«
»Sie hat ihr Leben aufs Spiel gesetzt, um das von Raisa zu retten«, begriff die Rothaarige und beobachtete die Freude der kleinen Gruppe.
»Du hast es gewusst, habe ich Recht?«, fragte sie ihren Freund.
Iwan begann zu lächeln und antwortete:
»Als ich die Lichtung erreicht habe, hat mein Stern mich aufgeklärt. Ich wusste, dass Ivy Raisa retten und beide es überstehen würden. Ich habe mich zurückgehalten, damit du die tatsächlich existierende Hilfsbereitschaft unter den Menschen mit deinen eigenen Augen siehst.«

Raisa eilte zu ihrem Bruder und fiel diesem in die Arme. Daraufhin wandte diese sich den vier Zauberern zu, dessen Freude sie mit Wohlbefinden beobachtete.
»Alle vier sind von Grund auf verschieden«, begann Iwan zu erläuterte, »jeder Einzelne von ihnen kommt aus einem anderen Land, lebt nach einer anderen Kultur und wurde demnach anders erzogen. Es hat sehr lange gedauert, bis sie begonnen haben, als ein Team zusammenzuarbeiten. Mary hat mir von sehr vielen Komplikationen berichtet, welche sie überwinden mussten. Aber nun halten sie zusammen, so wie wir.«
Der rote Stern tat es Raisa gleich und ihre Augen wanderten von Zauberer zu Zauberer. Jeder von ihnen hatte dazu beigetragen Ivy und Raisa zu retten. Die Blonde selbst hatte auch eine große Leistung erzielt. Kein Teilhaben der Gruppe hatte fehlen dürfen, um einen Erfolg zu erzielen.

Nach dem Troubel kehrten sie zu Hütte zurück. Auch Kratos Körper, welcher unter den extremen Wetterbedingungen das meiste Leid davontragen musste, hatte sich dank einem Hitzestoß seitens Leyra wieder erholt. Doch statt einer intakten Hütte, fanden sie eine maßlos abgebrannte Ruine vor.
»Was zum Teufel ist denn hier passiert?!«, konnte Kratos nicht fassen.
»Ich glaube, das ist meine Schuld«, gestand Leyra. »Das hier ist eine ungewohnte Atmosphäre. Sie beeinflusst meine Gabe. Das hatte ich nicht bedacht.«
Überraschenderweise war es keine Kritik, die aus Kratos Mund kam:
»Was genau seid ihr eigentlich?«
»Wir sind Sterne«, begann Iwan zu erklären. »Wir werden in unseren Himmelskörpern geboren und auf unterschiedlichen Planeten untergebracht, um dort aufzuwachsen. Meine Heimat ist die Erde, während Leyra weit abseits von hier groß geworden ist.«
»Bist du wirklich schon über 37.000 Jahre alt?«, wollte Kratos sicher stellen.
»Sterne erreichen im Durchschnitt ein Alter von mehrere Milliarden Jahre.«
Die Unwissenden schluckten hörbar.
Leyra fuhr fort: »Ich habe die Menschen immer verachtet. Ich verstehe ihr Handeln nicht, die Kriege, die sie gegeneinander führen, dieser Egoismus, das Desinteresse an dem Wohlergehen ihres Planeten. ... aber wie es scheint, kann ich wohl nicht alle unter einen Teppich scheren.«
Leyras Blick ruhte auf den Zauberern.
»So, Zauberer, ja?«, drehte der Stern den Spieß um. »Ich muss gestehen, eure Fähigkeiten sind beeindruckend.«
»Nun ja«, erläuterte Mary »unter uns Zauberern sind wir keine Gewöhnlichen. Wir sind die Vier, welche die großen Elemente repräsentieren: Kratos vertritt die Erde, Ivy das Wasser, ich das Feuer und Coud das Element Luft. Na ja, wobei Letzterer seine Fähigkeiten so gut wie nie einsetzt.«
Schüchtern sah Gemeinter zu Boden.
Raisa, welche sich bei deren Ankommen sofort in die Hütte begeben hatte, eilte zum Überrest der Haustür und gab bekannt:
»Leute, ich weiß ja nicht wie es euch geht, aber nach dem kräfteauftreibenden Abenteuer könnte ich einen Happen Energie gut gebrauchen. Wie sieht es mit euch aus?«
Die Gefragten wirkten nicht abgeneigt.
»Kratos' Pute ist ja noch da!«, fügte Iwans Schwester hinzu.
Die Augen des Zauberers begannen zu leuchten:
»Ha! Und nun werdet ihr vor mir niederknien!«
Plötzlich bekam er einen Schneeball an den Kopf, welcher von Ivy persönlich per Magie geworfen wurde.
»Wieder fit?«, fragte diese, begleitet von einem spöttisch Grinsen.
»Um dich fertig zu machen? IMMER!«, lautete die Antwort des frechen Mannes.
»Ich schlage vor, wir setzten das Fest fort«, warf Leyra gezielt ein, um das Thema zu wechseln.
In ihr regte sich das Bedürfnis auf die Seite der Blonden zu schlagen und den Braunhaarigen selbst noch ein wenig zu ärgern.
Die Freunde folgten dem roten Stern, mit Ausnahme von Coud und Ivy. Die Blonde wollte ihren Freunden folgen, wurde aber durch den Japaner aufgehalten, welcher ihre Hand ergriff und sie zum Stehen zwang.
»Äh, ja?«, fragte sie vorsichtig.
Sie merkte schnell, dass Coud mit einem Gemisch von Wut und Angst, basierend auf den gefährlichen Ereignissen von vorhin, zu kämpfen hatte.
»Du hast es wie immer übertrieben«, begann er.
»Für die Lawine gebe ich euch die Schuld«, funkte sie dazwischen, riss sich los und verschränkte die Arme.
»Dennoch du hättest sterben können!«, entfuhr es Coud, »Warum sagt sie so oft, du sollst es nicht übertreiben? Schon gar wegen deiner Gesundheit!« »Ja, Herr Doktor«, gab Ivy murrend von sich und drehte sich zur Seite.
Coud seufzte. Er kannte dieses Verhalten nur zu Genüge und wusste, dass sich eine sture Ivy nicht belehren ließ.
»Bitte sei das nächste Mal vorsichtiger«, bat er sie leise, »i-ich ... kann einen weiteren Verlust nicht mehr verkraften.«
Lerya, welche das Gespräch aufgrund ihres feinen Gehörs verfolgt hatte, legte ihre Stirn in Falten. Ein weiterer Verlust? Das hieß wohl, dass er schon einmal jemanden verloren hatte, den er liebte. Die Gedanken der Rothaarigen schweiften zu Iwan, welchem das gleiche Schicksal widerfahren war. Wie es schien, existierten tatsächlich Parallelen zwischen dem Jungstern und dem Zauberer.
»Du hast deine Fähigkeit eingesetzt. Wie war es?«, fragte Ivy plötzlich heiter.
»Wechsle nicht das Thema!«
Seufzend wandte er sich ab, als die Blonde ihn strahlend ansah. Daraufhin murmelte er:
»Es fühlte sich an, als wäre die Macht, mit der ich den Boden unter mir zerreiße, nichts weiter, als ein Stück Papier. Das hat mir Angst bereitet.«
»Oh«, entwich es Ivys Kehle.
Das war nicht die Antwort, welche sie erwartet hatte. Unwissentlich biss sie sich auf die Lippen, bevor Coud sich wieder zu ihr wandte und ihr ins Ohr hauchte:
»Aber für dich mache ich alles« Daraufhin legte er seine Lippen auf die ihre und küsste.
Die Überraschung in der blonden Schönheit wich augenblicklich dem Gefühl der Hingabe. Sie schloss ihre Augen und erwiderte seinen Kuss. Wärme, welche von keinem Zauber oder Gabe dieser Erde oder gar eines anderen Planeten stammte, erklomm ihren Brustkorb und löschte den letzten Millimeter Gänsehaut aus. Das prickelnde Gefühl in ihrer Magengrube saugte ihr jegliche Kraft aus den Beinen, so drohte sie auf die Knie zu gehen. Coud jedoch fing sie auf und begann kichern. Ihre Blicke trafen sich. Keine Worte verließen ihre Münder, so sprachen sie die stumme Sprache ihrer Liebe füreinander.
Leyra stieß ein Seufzen der Erleichterung aus. Doch anscheinend war es nicht nur ihr so ergangen. Ihr Blick fiel auf den noch immer im Bettlaken gekleideten Kratos, welcher hinter einer noch stehenden Holzwand verweilte und die beiden Liebenden beobachtete. Schnell fand sie sich neben ihm ein, welcher wenig überrascht auf ihre Anwesenheit reagierte.
»Das ist so romantisch!«, schwärmte die Rothaarige und konnte ihr Lächeln nicht in sich hinein schlucken.
Kratos sah dies und wusste sofort, dass es sich hierbei um ein echtes, ehrliches Lächeln handelte. Dann nahm er jene Worte in den Mund, welche er schon viel früher hatte aussprechen sollen:
»Es tut mir leid«
Leyra sah auf und wirkte überrascht.
»Ich habe es mit meinen Neckereien etwas übertrieben. Ich wollte nicht, dass es so endet.«
Tatsächlich konnte Leyra Reue aus seinen Augen lesen. Doch sie lächelte und widersprach ihm:
»Wovon redest du denn da? Sieh doch!«
Der Zauberer blickte wieder zu Ivy und Coud, welche einander erneut küssten.
Kratos stimmte mit Leyras Lächeln ein und legte eine Hand um ihre Schulter.
»Sieht so aus, als hätten wir doch noch was richtig gemacht.«
Daraufhin fügte Kratos hinzu: »Wird auch Zeit, das die beiden in die Pötte kommen. Seit er seine Frau verloren ha, steht er mit seinem Sohn alleine dar.«
»Er hat einen Sohn?«, platzte es aus Leyra heraus und presste sich sofort die Hand auf ihre Lippen. »Sorry, das ist mir so herausgerutscht. Ich meine, er sieht noch so jung aus und ...«
»Ich weiß«, seufzte Kratos, »er hat früh mit seiner Frau dieses Kind gezeugt. Dann ist sie gestorben. Sie war eine Botin, die uns beschützen sollte.«
»Mein Beileid«, sagte Leyra aufrichtig und blickte noch einmal zu diesem jungen Vater.
Nun begriff sie, weshalb er so erwachsen wirkte. Wer in so jungen Jahren bereits eine solch große Verantwortung, wie die Erziehung eines Kindes, trug, reifte schneller.
»Mir tut es auch leid«, gestand die Rothaarige. »na ja, ich fühle mich oft schnell angegriffen und fahre zu schnell meine Krallen aus.«
»Mir gefällt das. Es hat Spaß gemacht.«
Leyra öffnete fassungslos ihren Mund und zwickte dem Großgewachsenen in den Arm. »Du mieser Schuft! Ich wusste es!«
Kratos konnte nicht anders als Lachen und tatsächlich empfand Leyra seine Stimme nicht als nervtötend.
»Übrigens«, fügte diese hinzu »Das hier ist eine Weihnachtsfeier und kein Freudenhaus!«
Entsetzt blickte Kratos an sich runter, der inzwischen völlig vergessen hatte, dass es noch immer ein Bettlaken war, welches seinen Körper bedeckte.
»Ziehen Sie sich was an, mein Herr!«, schimpfte die Rothaarige amüsiert.
Kratos lächelte erfreut, da der rote Stern endlich seinen Humor teilte. Ein weiteres Ass konnte er jedoch nicht unterdrücken:
»Übrigens ... nur damit du Bescheid weißt ... ich bin ebenfalls Vater einer kleinen Tochter.«
Er ging, bevor Leyra dazu noch etwas erwidern konnte. Diese starrte ihm zunächst verwirrt hinterher und begann dann ihre Augen zu rollen.

Auf einmal kam Raisa zur Tür raus gerannt. Ivy und Coud waren sich sicher, dass die junge Frau deren Liebe hatte feiern wollen, für die sich sich doch den ganzen Abend eingesetzt hatte. Doch ihre Augen galten dem Himmel. Ivy und Coud folgten ihrem Blick und sahen etwas, was sie für unmöglich hielten.
»Nein!«, sagte die Ivy fassungslos. »Das kann nicht ...!«
Raisa begann auf der Stelle zu springen und rief die anderen beisammen.
»Seht nur!«
Die Blicke der sechs Freunde ruhten auf einem Leuchten, welches langsam durch die Lüfte zog. Es hinterließ ein rotes Leuchten, Bewegungen waren zu erkennen. Eine Sternschnuppe konnte es nicht sein. Doch was war es dann?
Leyra war die Einzige, welche der Begeisterung der anderen nicht folgen konnte, da sie nicht verstand, was diese im Himmel zu sehen glaubten. Iwan hatte ihr verschwiegen, dass Kinder im Glauben waren, von einer erfundenen Figur beschert zu werden. Doch war sie wirklich fiktiv?
Ein Knarren seitens der Hütte unterbrach die Faszination der Anwesenden.
»Hm«, grummelte Mary. »Lange wird unsere Hütte wohl nicht mehr machen.«
»Jeder rettet, was er retten kann!«, befahl Kratos und gab das Startsignal für ein tobhaftes Eindringen in die hölzerne Ruine.
Diesmal war es Coud, der aufgehalten wurde. Ivy blickte auf, als sie Leyras Hand an Couds Oberarm vorfand.
»Darf ich ihn mir kurz ausleihen?«
Ivy nickte lächelnd zu und ließ Couds Hand nur langsam los, ehe sie die knarrende Hütte betrat.
Der rote Stern begann ihre Gedanken mit dem jungen Zauberer zu teilen:
»Es tut mir leid, wenn ich dich direkt darauf anspreche, aber ich habe vorhin erfahren, dass du Verluste erlitten hast. Das muss schwer sein. Auch ist mir aber zu Ohren gekommen, dass du Vater eines kleinen Sohnes bist.«
Coud erschauderte und sah zu Kratos hinüber, welcher endlich das Bettlaken gegen einen Pullover und eine Hose getauscht hatte. Als dieser Couds Blick bemerkte, nickte er bedeutungsvoll. Daraufhin wandte er sich wieder Layra zu und antwortete ehrlich:
»Ja, das ist mein kleiner Rowen«
Der rote Stern begann zu lächeln, als Coud das Wort »kleiner« verwendet hatte. Der väterliche Ton war deutlich aus seiner Stimme herauszuhören. Nun konnte sie sicher sein, dass Kratos nicht scherzhaft gelogen hatte.
»Weißt du ..., ich muss mich bei euch Vieren bedanken. Ihr habt mir die Zuversicht gegeben, eines Tages doch noch mit der Menschheit ins Reine zu kommen.«
Coud begann zu lächeln.
»Schön, dass wir dir diese Ansicht geben konnten, auch wenn wir ab und an das Paradebeispiel darstellen.«
»Iwan hatte mir erzählt, dass ihr dafür Kämpfen musstet bis ihr als Team zusammen gearbeitet hattet.«
»Das ist korrekt, aber ich denke, das kann man auf euch Sterne auch übertragen.«
Leyra nickte und fuhr fort:
»Du scheinst sie sehr zu lieben, nicht wahr?«
Es war nichts Couds Art offen über seine Gefühle zu sprechen, schon gar nicht gegenüber jemand Fremdem. Doch die Euphorie in seinem Körper ließ ihn willenlos antworten:
»Ja ... das tue ich. Auch wenn es manchmal nicht so wirkt, weil ich noch ...«
»der alten Liebe hinterher trauere? Verständlich. Das ist nicht einfach. Weißt du, ich kenne dich kaum, doch ich weiß inzwischen, dass du ein Mann bist, der seinen Weg gehen wird. Du ziehst ein Kind groß, trägst mit dieser Magiesache große Verantwortung und versuchst dennoch deine Haltung zu wahren. Solche Personen besitzen einen starken Charakter.«
So viele Komplimente hatte Coud nicht erwartet, worauf er auch ein wenig verlegen seinen Blick zu Boden richtete.
»Ihr beide gebt so ein süßes Pärchen ab. Von eurer Sorte sollte es mehr geben. Arbeite daran.«
Erst als Leyra ihm zuzwinkerte, verstand der Zauberer ihre Anspielung und lief augenblicklich tiefrot an.
»Oh, das ist ... du meinst Kinder?«
»Klar, wieso nicht? Ich möchte ganz viele Kinder von euch sehen!«
Coud blieb die Sprache weg. Nun begriff er endlich, was Kratos gemeint hatte, als er behauptet hatte, Leyra würde ihre Ansichten ziemlich direkt vertreten. Er hatte recht damit gehabt
»Ich ähm ... also ich weiß nicht ...«
»Na gut, ich wollte dich nicht überrumpeln. Das tut mir leid. Du hast ja noch einen Sohn«
Noch immer erklomm der Scham Couds Brust, obwohl dieser nach Leyras Eingeständnis sich regulierte. Das sollte sich jedoch ändern, als diese hinzufügte:
»Zwei sollten erst mal genügen.«
Erschüttert fiel Couds Kinnlade runter.
»Na gut, das ging zu weit. Es ist nur ...«
Leyra sah zu Iwan rüber. »Wir Sterne mögen zwar den Menschen körperlich überlegen sein, aber ihr habt eines, was wir nicht haben: Ihr könnt euch fortpflanzen, Kinder kriegen. Dieses Geschenk wurde uns verwehrt.«
Coud rieb Leyras Arm:
»Ich wette, dass auch ihr Sterne das Verfahren, welches wir Adoption nennen, kennt. Ich meine, es ist nicht das Gleiche, ja. Aber hey, ich bin davon überzeugt, dass du eine gute Mutter bist. Übrigens, bei Adoption kannst du Kratos fragen.«
»Also hat er mich eben nicht reingelegt?«
Zuerst war der Japaner verwirrt, doch er begriff, worauf sie hinaus wollte. Er lächelte und schüttelte den Kopf.
»Nein, er und Mary haben ein Mädchen adoptiert. Ihr Name ist Alexandra Evens.«
Leyra stellte sich bildlich Kratos vor wie er mit einem kleinen Mädchen spielte. Da entwich ihr ein sanftes Lächeln.
Ihr Blick ruhte auf Iwan, der nach einer kurzen Weile ebenfalls zu ihr aufsah. Für einen kurzen Moment blickte er konzentriert, dann begann er zu lächeln und hob seine Hand, den Daumen nach oben zeigend.
Leyra runzelte ihre Stirn und verstand nicht ganz, was Iwan ihr damit sagen wollte. Noch ehe sie die Gelegenheit hatte sich den Kopf darüber zu zerbrechen, fielen die tragenden Wände der Hütte in sich zusammen und rissen den gesamten Rest mit sich. Regungslos standen die Freunde dort, umgeben von Trümmern und begannen kurzerhand herzhaft zu lachen.
»Wie wäre es mit einem Lagerfeuer?«, schlug Mary vor.
»Ich denke«, schlug Iwan vor »ich weiß da was besseres.«
Die Anwesenden wurden ohr.
»Es gibt da einen Ort, oder besser gesagt, einen Planeten, der sich Urya nennt.«
Raisas Augen begannen zu strahlen:
»Du meinst, wir besuchen Eve, Sirius, Canis Majoris und die anderen?«
Kratos wurde hellhörig: »Hat sie gerade Canis Majoris gesagt?«
Leyra und Iwan tauschten ein verschmitztes Lächeln aus.
In nur wenigen Minuten würde das Fest an einem weit entfernten Oft stattfinden. Und was die Unwissenden dort zu sehen vermochten, würden sie nie wieder vergessen.